Unter dem Titel "The Paradox" zeigt der äthiopische Künstler Eyop Kitaba eine
beeindruckende Werkreihe in seiner Einzelausstellung im Modern Art Museum von Addis Abbeba, die alle 2023 entstanden sind. Kitaba ist im
besten Sinne ein politischer Künstler, der so schmerzliche Themen wie Hunger und Armut nicht einfach pittoresk
illustriert, sondern auf ganz eigene Weise zum Ausdruck bringt. Sein
Hauptstilmittel ist die Collage und das Installieren von Materialien, die er
auf der Straße findet und die er so inszeniert, dass die Dinge für sich selbst sprechen.
Hunger und die vielfältigen Nahrungsmittelhilfen für sein Land ist für ihn das "Paradox", das ihn nach der Identität von Menschen fragen lässt, die sich nicht selber ernähren können in einem Land, das klimatisch und mit einem hohen Bevölkerunganteil an Farmern alle Voraussetzungen hätte, alle satt zu bekommen.
Aber 2021
und 2022 erlebte das Land eine tiefe Krise, einmal durch den Krieg in
Tigray, der zu erheblichen Ernteausfällen mangels Arbeitskräften führte , zum anderen durch die Corona-Pandemie mit seinen unerschwinglichen
Impfstoffpreisen, gepusht durch die EU. Der Anstieg der
Nahrungsmittelpreise durch Verknappung war die Folge, die sich viele
Menschen nicht mehr leisten konnten.
Konsequent bespannt Kitaba seine Leinwände aus den Verpackungen der Nahrungsmittelhilfen, die u.a. noch die Aufdrucke Not for sale oder US AID sehen lassen und dem Werk eine ganz eigene Textur und Farbigkeit geben.
"Our yearly budget is determined based on aid funds. Following the
funds, we are forced to comply to the ideology behind the politics of
aid." Eyop Kitaba
Plastik, Wellblech, leere Konservendosen, Kanister und Karton sind im äthiopischen Alltag präsent. Sie dienen als Material für die Unterkünfte der Ärmsten, für ihre Verkaufständen an Straßenrändern oder als Behälter zum Transport von Wasser zum Waschen und Spülen.

ausrangierter Reisebus, umgebaut zum Restaurant, Addis Abeba

Schuhputzstand, Addis Abeba
"Packaging cans, textiles, images, even quotes and proverbs posted in
shops, taxis ....etc. are abundant in our day-to-day activities as
well as in our sacred places." Eyop Kitaba


Schon am Eingang der Ausstellung
hat er eine Pyramide aus Konserven und recyceltem Abfall gebaut, die wie der Nachbau einer Kathedrale anmutet, die den
prekären Lebensverhältnissen eine Würde und pralle Lebendigkeit verleihen, als wollte er damit dem täglichen Kampf um das Allernötigste ein Denkmal setzten.
Auch ohne die wechselvolle Geschichte Äthiopiens kennen zu müssen, ahnt man
bei den symbolträchtigen Abbildern, die er verwendet oder seinen Collagen aufdruckt, wie
zerrissen die Identität der äthiopischen Nationalität sein muss. Immer wieder sind es Soldaten, die neben den vielen Obdachlosen das Straßenbild im Land und in seiner Kunst beherrschen.
Auch die
zweifelhaft heroischen Phasen der Kaiserreiche, den erfolgreichen und glorifizierten Kämpfen gegen die
Kolonisierung durch die Italiener, die Äthiopien zum Sitz der Afrikanischen Union gemacht hat, sowie die tiefe
Gläubigkeit vieler Äthiopier greift er durch
Bildzitate und zahlreiche Fundstücke auf. Der Löwe als Wappentier und die Farben gelb und rot von Äthiopiens Nationalfarben tauchen immer wieder auf. Kitaba verschmilzt sie mit den Verpackungen für die Nahrungsmittelhilfen, die das Narrativ eines stolzen Landes auf seine Geschichte empfindlich stören.
Erst in dem man all diese Verweise in seinen Bildern studiert, vermittelt sich nach und nach das Gefühl vom Paradox, das den Künstler umtreibt - wie man daraus eine halbwegs positive Identität entwickeln
kann. Ein
Amalgam aus recyceltem Abfall und abhängiger Bedürftigkeit ist hier die Basis für ein zutiefst widersprüchliches Konstrukt für diese Identität.
Auch die zweifelhaft heroischen Phasen der Kaiserreiche, den erfolgreichen und glorifizierten Kämpfen gegen die Kolonisierung durch die Italiener, die Äthiopien zum Sitz der Afrikanischen Union gemacht hat, sowie die tiefe Gläubigkeit vieler Äthiopier greift er durch Bildzitate und zahlreiche Fundstücke auf. Der Löwe als Wappentier und die Farben gelb und rot von Äthiopiens Nationalfarben tauchen immer wieder auf. Kitaba verschmilzt sie mit den Verpackungen für die Nahrungsmittelhilfen, die das Narrativ eines stolzen Landes auf seine Geschichte empfindlich stören.
"Identity is woven by narratives. Identiy is not only constructed by narratives that we produce about ourselves. It is also based on the narratives that others devise about us. The images that recorded our history are full of 'Paradoxes'." Eyop Kitaba
Alles, was Kitaba verwendet, lässt sich eins zu eins im Staßenleben von
Addis Abbeba und nicht nur dort finden. Es ist als wandelte man nach dieser Ausstellung mit geschärfteren Sinnen durch die Stadt, in der sich überall das Material zu seinen Arbeiten finden lässt, für deren ambivalente Botschaften man nun sensibilsiert ist.
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Gebetsnische in Saint Estepanus Church, Addis Abeba |
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