Sonntag, 2. Januar 2022

Das Bernsteinzimmer - ein Mythos und seine Transformation in Kunst

Mit dem Titel "Warum ist nicht alles schon verschwunden?" stellt das Kunstmuseum Bochum eine Gruppenausstellung zusammen, die prominent mit der Installation von Ingeborg Lüscher ihres Bernsteinzimmers wirbt. Zu Recht: Denn sie ist bei weitem der interessanteste Beitrag dieser teils sehr bemühten Schau um das Verschwundene. 

"Die Ausstellung", so in der Ankündigung auf der Webseite des Kunstmuseums "vereint Werke verschiedener Künstlerinnen mit unterschiedlichen Hintergründen, die ein assoziatives Netz aus Fragmentierung, Zeitdimensionen, Gewalt und Verwandlung bilden. Ihre Arbeiten bauen einen semi-fiktionalen Raum auf, ohne dabei zu versuchen, eine zusammenhängende Geschichte zu erzählen."

"Das Bernsteinzimmer" - Installation von Ingeborg Lüscher

Donnerstag, 14. Oktober 2021

Wilde Camps, Polizeigewalt und brutale Pushbacks entlang der Balkanroute

Flüchtlingsarbeit in Bosnien: Eine Reise mit SOS Balkanroute

"Ins game gehen", so nennen die Geflüchteten ihre riskante Reise, wenn sie zu Fuß über die Grenze von Bosnien nach Kroatien aufbrechen. Wer dabei geschnappt wird, erleidet traumatisierende Gewalt. Viele Geflüchtete erzählen davon, wie sie brutal zusammengeschlagen wurden. Sie kehren mit nichts außer ihren Kleidern am Leib zurück. Rucksäcke und alle ihre Wertsachen und ihr Geld, das sie sich für ihre Flucht besorgt haben, werden ihnen abgenommen. Vor allem werden ihre Handys vor ihren Augen mit Fußtritten zerstört.  

Wildes Camp in Velika Kladusa mit circa 300 Menschen aus Afghanistan

Samstag, 9. Oktober 2021

Die Last der Vergangenheit - eine Ausstellung in der National Art Gallery Tirana

Wie umgehen mit dem sozialistischen Erbe, überwiegend propagandistische Auftragskunst, die in den opulenten Sammlungen vieler Museen in Südost- und Osteuropa  gespeichert ist? Ein Kuratorenteam der Art Gallery in Tirana, Hauptstadt Albaniens, hat dazu ihre Bestände in ganz neue Zusammenhänge gestellt und zwei sehr unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt und sie mit "Tirana Patience" und "Open Archive" betitelt. 

Ausstellungsplakat

Montag, 27. September 2021

Saki – Ein Geflüchteter aus Marokko als Fußballtalent in Bosnien

Ich lerne Saki im Tageszentrum von Sarajevo, dem World Travelers Center kennen, das von Sanela Klepic ins Leben gerufen wurde. Das WTC ist auch auf Facebook zu finden.


Hier können sich Geflüchtete aufhalten, sich informieren, ins Internet gehen und zwei Mal in der Woche am Englischunterricht teilnehmen. Ziel dieses Zentrums ist es, Geflüchtete auszubilden und sie innerhalb eines Jahres zu legalisieren. Saki ist einer der wenigen, die sich ernsthaft darauf eingelassen haben und sich erst einmal nicht weiter auf die Flucht zu begeben oder an zeitlich begrenzte Aufenthaltspapiere zu kommen, um dann letztendlich doch abgeschoben zu werden. Er möchte sich zunächst einmal qualifizieren und durch eine Ausbildung oder durch die Ausübung eines Jobs an einen erfolgreichen Asylantrag anknüpfen.  Die Leiterin vom WTC, die auch Gästezimmer für Touristen anbietet, um eine ökonomische Basis für den Unterhalt des Tageszentrums zu schaffen, möchte das auch mit anderen Geflüchteten aufbauen. Ob dieses Konzept aufgeht, muss sich noch erweisen. Einen Kontakt zu einem engagierten Rechtsanwalt hat sie bereits gefunden.

"Das Spiel mit den vorübergehenden Aufenthaltspapieren mit weiteren Anträgen, Kosten für Rechtsberatung, Dolmetschern etc. ist ja nur ein Aufschub, ein fake für ein angeblich faires Verfahren. Fast alle enden bisher mit den Deportationspapieren", berichtet Sanela. "Dieses Spiel führt zu nichts. Deshalb haben wir uns einen anderen Weg überlegt." Mit Saki hat sie bisher den erfolgreichsten, weil ambitioniertesten Kandidaten für dieses Experiment gefunden.

Saki mit Sanela Klepic im Tageszentrum von Sarajevo

Ina Zeuch (IZ.): Was hat dich bewogen, dein Land, deine Familie und deine Freunde zu verlassen und dich auf die Flucht zu begeben?

Mittwoch, 21. April 2021

"Roter Mohn" - ein Roman von Alai aus dem finsteren Tibet

"Roter Mohn" ist der erste Roman des Schriftstellers Alai von 1998, der zunächst Gedichte und Erzählungen in der Zeitschrift "Tibetische Literatur" veröffentlichte.  Auch "Roter Mohn" spielt in Tibet Anfang des 20.Jahrhunderts, im äußersten Osten des Reiches im Grenzgebiet zu China. Dabei vemiest Alai jedem Tibetromantiker gründlich die Vorstellung von einem Garten Eden in den Bergen des Himmalaya. 

Denn die feudalistischen Verhältnisse, die Alai mit den Augen des Ich-Erzählers - Sohn des Fürsten Maichi -  beschreibt, werden ungeschminkt und vermeintlich naiv festgehalten. 

Montag, 4. Januar 2021

Geschichten aus der Sklaverei :

Born in Slavery - Die Aufzeichnungen von Linda Brent ( Teil 2 )

Der transatlantische Sklavenhandel wurde zur größten Zwangsumsiedlung der Menschheit, bei der schätzungsweise elf Millionen Menschen zwischen dem 17. und 18. Jahrhundert  in die Neue Welt und nach Europa verschleppt wurden. Dieses immense Ausmaß konnte von den Opfern naturgemäß kaum dokumentiert werden. Dennoch gibt es einige wenig bekannte, spärliche Zeugnisse von Betroffenen.
 
Fußfessel für Sklaven, Musée de la civilisation.celtique / Bibracte, Frankreich.Foto: wikimedia, Quelle Urban
In einer mehrteiligen Serie zum Sklavenhandel und ihren unterschiedlichen Folgen habe ich bereits  einige dieser Zeugnisse vorgestellt - so die Die Prinzen von Calabar des Historikers Randy J. Spark, der den spannenden Briefwechsel zweier irrtümlich in die Sklaverei verschleppter, nigerianischer Sklavenhändler in historische Zusammenhänge bringt oder die Aufzeichnungen Jan Stedmans, der fünf Jahre lang in Surinam Sklavenaufstände im Namen der britischen Krone niederschlug.  In ihnen wird dieses belastende Thema weg von der bloßen Aufzählung geschichtlicher Fakten hin zu anschaulichen Geschichten von Einzelschicksalen verlagert, die trotz ihrer Einzigartigkeit, aber gerade durch ihre unterschiedlichen Perspektiven erhebliche Teile des blutigen Geschäfts beleuchten.

Freitag, 25. Dezember 2020

Geschichten aus der Sklaverei:

Born in Slavery - Die Aufzeichnungen von Linda Brent (Teil 1)

Der transatlantische Sklavenhandel wurde zur größten Zwangsumsiedlung der Menschheit, bei der schätzungsweise elf Millionen Menschen zwischen dem 17. und 18. Jahrhundert  in die Neue Welt und nach Europa verschleppt wurden. Dieses immense Ausmaß konnte von den Opfern naturgemäß kaum dokumentiert werden. Dennoch gibt es einige wenig bekannte, spärliche Zeugnisse von Betroffenen.

Fußfessel für Sklaven, Musée de la civilisation.celtique / Bibracte, Frankreich.Foto: wikimedia, Quelle Urban
In einer mehrteiligen Serie zum Sklavenhandel und ihren unterschiedlichen Folgen habe ich bereits  einige dieser Zeugnisse vorgestellt - so die Die Prinzen von Calabar des Historikers Randy J. Spark, der den spannenden Briefwechsel zweier irrtümlich in die Sklaverei verschleppter, nigerianischer Sklavenhändler in historische Zusammenhänge bringt oder die Aufzeichnungen Jan Stedmans, der fünf Jahre lang in Surinam Sklavenaufstände im Namen der britischen Krone niederschlug.  In ihnen wird dieses belastende Thema weg von der bloßen Aufzählung geschichtlicher Fakten hin zu anschaulichen Geschichten von Einzelschicksalen verlagert, die trotz ihrer Einzigartigkeit, aber gerade durch ihre unterschiedlichen Perspektiven erhebliche Teile des blutigen Geschäfts beleuchten.
 
Die Aufzeichnungen von Linda Brent bieten die seltene Chance, die Sklaverei aus der Sicht einer Frau nachzuerleben, die als Nachgeborene nicht zu den aus Afrika Verschleppten gehört, sondern in North-Carolina in die Sklaverei hineingeboren wurde. In ihren Aufzeichnungen "Deeper Wrong or Incicdents in the Life of a Slave Girl" von 1862 beschreibt sie, wie sie zunächst ihre Herrin und deren Familie als Teil ihrer eigenen Familie wahrnimmt und sich gar nicht als deren Besitz  ansieht. Diese bringt ihr Lesen und Schreiben bei. Erst nach deren Tod wird ihr klar, dass auch sie - trotz ihrer vergleichsweise hellen Hautfarbe - eine Sklavin ist.