Samstag, 16. Dezember 2017

Ist politische Kunst möglich? (8) "Tuko Macho" - atemberaubende Videokunst aus Kenya

"Tuko Macho" verhandelt in 12 kleinen Videos, von denen jedes zwischen zwei Werbeblöcken Platz hat, einen Wahlbetrug in großem Stil und darüber hinaus einfach alles, was dem Künstlerkollektiv The Nest Collective an der kenianischen Gesellschaft  zum Himmel stinkt. Die Wahlen in Kenia 2007 waren vom Vorwurf der Wahlmanipulation überschattet und führten zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen mit Hunderten von Toten und gingen als traumatisches Ereignis ins kollektive Gedächtnis ein. Wahlmanipulation scheint in Kenya offensichtlich bei jeder Wahl als Generalverdacht mitzuschwingen und bildet eines der Motive für Tuko Macho. 2017 wurde dieser Verdacht sogar vom Obersten Gerichtshof in Kenia bestätigt, woraufhin die Präsidentschaftswahlen wiederholt werden mussten.
Filmstill aus "Tuko Macho"
The Nest Collective  besteht aus 12 überwiegend jungen Mitgliedern und hat den Film in Kooperation mit der schwedischen NRO Forum Syd 2016 produziert. Das Künstlerkollektiv hat dafür wie auch  für zahlreiche anderer ihrer Projekte bereits einige internationale Preise eingeheimst. Auf ihrer Webseite steht dazu selbstbewusst: 
"Founded in 2012, the Nest Collective has created works in film, music, fashion, visual arts and literature such as the critically-acclaimed queer anthology film Stories of Our Lives, which has so far screened in over 80 countries and won numerous awards, and Tuko Macho—a groundbreaking interactive crime web series widely considered to be one of the best African TV series."
Viele ihrer sonstigen Arbeiten - so weit sie auf ihrer Webseite einzusehen sind - bestehen aus Mode und urbanem Lifestyle als inszenierte Hochglanzfotos, die trotz des provokativen Titels "Not African Enough" gut konsumierbar sind. Die 12-teilige Videosequenz "Tuko Macho" dagegen ist ein ganz anderes Kaliber. Die Personen der Filmsequenz werden von ihnen dabei mit ähnlichen technischen Mitteln wie bei ihren Modefotos professionell in Szene gesetzt, doch der Zweck ist ein ganz anderer. 
Am spannendsten an Tuko Macho ist die Geschichte der Hauptperson, die sich mit vielen Rückblenden zu einem Politkrimi entwickelt. Es geht um einen Whistleblower bei der Armee, der zufällig einen Wahlbetrug in großen Stil entdeckt, bei dem das Militär als ausführende Instanz und ohne Wissen der Soldaten mitwirkt. Während sein Kamerad ihn dazu anhält, die Sache für sich zu behalten, geht er den mühsamen Weg der Veröffentlichung. Um den Preis, die Armee zu verlassen, tritt er die Flucht nach vorne an und lässt sich im Fernsehen dazu interviewen. Dafür wird er für eine kurze Zeit als Held gefeiert, bekommt sogar einen Preis für Zivilcourage, muss aber feststellen, dass sich dadurch nichts wirklich geändert hat. Denn danach wird er verfolgt, muss seine Identität ändern und abtauchen.
 
Die heuchlerischen Rituale der Anerkennung, die vermeintlichen Aufklärer von TV-Journalisten und die Lippenbekenntnisse der Politiker ekeln ihn an und treiben ihn in eine Radikalisierung, bei der er sich das Recht zur Selbstjustiz herausnimmt. Mit der Hilfe von Streetkids kidnappt er teils Kriminelle, teils nur pöbelnde Randalierer, an denen die Gesellschaft seiner Meinung nach krankt. Mittels einer Website lässt er die Menschen darüber abstimmen, ob sie schhuldig oder nicht schuldig sind. Schuldig bedeutet die Hinrichtung, die unmittelbar vollstreckt wird, unschuldig erwirkt die ebenso unmittelbare Freilassung der Geisel. Die meisten der 'Übeltäter' werden von den kenyanischen Online-'Wählern' zum Tode verurteilt und die 'Richter' dienen somit nur der 'demokratischen' Mehrheit. Das Ganze wird zu einem monströsen Hype in der kenianischen Medien- und Fernsehwelt, während die Polizei Nairobis fieberhaft nach der Gang der selbsternannten Richter sucht.

Im Verlauf der Videos ändern sowohl der Police Officer als auch der Ex-Soldat und Whistleblower in einschneidender Weise ihre Entscheidungen. Das  hinterlässt trotz der Düsternis der Geschichte einen Hoffnungsschimmer: Es ist immer nur der Einzelne, der sich ändern, seinen Kurs im Leben korrigieren kann und der den Mut aufbringen muss, seine mühsam durch Niederlagen gewonnenen Erkennnisse umzusetzen. Nur so kann man - laut der in Tuko Macho erzählten Geschichte - auch auf sein soziales Umfeld abfärben. Trotz dieser pädagogischen Quintessenz bleibt Tuko Macho ein spannendes Lehrstück über Korruption, Zivilcourage, Demokratie sowie richtiges und falsches Heldentum und könnte damit für ein etwas anders Lehrmaterial an Gymnasien geeignet sein. Hierzu The Nest Collective:
Together we explore our troubling modern identities, re-imagine our pasts and remix our futures. In all our works, we prioritize the acknowledgement and stating of our different individual perspectives and privileges, and our work strives to convey this dialogue.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen