Freitag, 6. März 2015

Harmonisch schrill und sozial engagiert: Das Kala Ghoda Arts Festival in Mumbai

Installation von Hetal Shukla: Amby-Sad-RR
Jedes Jahr Anfang Februar findet das nach seinem Viertel benannte Kala Ghoda Arts Festival statt, das sich zwischen dem kolonial geprägten Banking District und Mumbai's südlichsten Viertel, Colaba befindet - dieses Jahr medial beworben von der Hindustan Times. Für die Meile der bildenden Kunst wurde die Dubash Marg Straße, in der auch das Goethe-Institut ihr Domizil hat, abgesperrt und damit zur fußgängerfreien Zone - eine Wohltat im vom Verkehr, Straßenhändlern und Fußgängermassen chronisch verstopften Bürgersteigen.
Tyrell Valladares: "Bleed Blue"
Hat man die Taschen- und Körperkontrolle erst einmal hinter sich, wird man mit den Menschenmassen durch den Parkour der teils riesigen Installationen geschoben.Die InderInnen wurden nicht müde, sich fast vor jedem Kunstwerk begeistert und ausgiebig abzulichten. Diesen Drang nach Selbstdarstellung bediente auch eine ganze Reihe von Aktionen: So konnte man zum Beispiel professionell gefilmt werden, wenn man spontan ein Gedicht rezitieren oder ein Lied singen konnte. Dem kamen viele mit großem Ernst nach. 
Aktion auf dem Kala Ghoda-Arts Festival: "Make yourself a Star"
Schrill wurde es bei Hetal Shukla, der in seinem Werk seinen Namen mit der Automarke des Ambassador kombinierte (s. erste Abb. oben) - der Ikone des indischen Automobilbaus, dessen Produktion am 14. Mai 2014 endgültig eingestellt wurde. Mit seinem halbierten, umpelzten und beschrifteten Kunstauto, das als Kulisse für Selfies und Gruppenfotos der Renner war, gab er dem Ende der Ambassador-Ära ein letztes ironisches Geleit.
Skulptur von Nayanjeet Nikam
Nayanjeet Nikam widmete ihre Skulptur dem Om Creations Trust, der Menschen mit Down-Syndrom unterstützt und die Cancer Prevention and You hatte eine Tafel für Kommentare des Publikums zu diesem Thema aufgestellt, die ebenfalls zu reger Anteilnahme inspirierte.
Pledge Wall der 'Cancer Prevention and you'-Organisation
Blinde liefen schwarz gekleidet durchs Gelände und boten Fußmassagen gegen Spenden für ihre Organisation an. Es gab ein Fotoprojekt mit Kindern aus einem Armenviertel Mumbais, die eine  eine Kamera in die Hand bekommen und damit sich und ihren Alltag fotografiert hatten. Das sind nur einige der engagierten Projekte, die hier ihren Niederschlag fanden und einen guten Teil dieses Festivals ausmachten. Indien gab sich darin selbstkritisch, da man sich ganz offensichtlich einiger sozialer Dilemmata bewusst ist. Besonders fallen die vielen Mädchenprojekte auf. Es bleibt zu hoffen, dass das Engagement sich auch auf politischer Ebene und nicht nur als NRO-Arbeit entwickelt.
Vidu Chandan und Kinder aus Dharavi: "Little Cameras Project"
Die Fotos in der Ausstellung bildeten das kritische Moment in der Schau, während viele Installationen zwar spektakulär, aber auch deutlich angepasster wirkten und eher auf Publikumswirkung setzten - und wohl auch nach diesen Kriterien ausgesucht waren. Oft bemühten sie sich um die Veranschaulichung bestimmter sozial ambitionierter Inhalte wie das aus Jutesäcken umkleidete Kamel, mit dem die Wasserknappheit thematisiert wurde - ebenfalls ein sehr beliebtes Fotomotiv der indischen BesucherInnen.
Mukesh Mestry, Rajendra Chavan: "Tap the life"
Daneben gibt es Kunstwerke jenseits von 'gut-gemeint' wie die aus Papprohren verschiedener Größe zusammengefügte wellenartige Wand von Aboli Shah und Varun Gala oder die auf Leinwand aufgedruckten Fotos von Sanjiv Valsan, der hauptsächlich Straßenszenen ins Visier nimmt, die für sich sprechen.
Sanjiv Valsan: Ohne Titel (Ausschnitt)
Aboli Shah, Varun Gala: "Avasosita"
Der Fernsehkanal des National Geographic warb mit dem Slogan 'Upload your moment', bei man seine Fotos einsenden konnte, um eine Polaroidkamera zu gewinnen.

National Geographic Channel: "Upload your moment"
Bemerkenswert waren Abbildungen von Wandkunst aus Kerala, die so ganz anders ist als die bei uns bekannte Street-Art und einen ganz eigenen, sehr künstlerischen Stil von Text und Bild aufweist.

Wandmalerei aus Kerala (Ausschnitt)
Mit dieser Mischung aus Werbeaktionen, Förderung sozialer Projekte und einfach-nur-Kunst, die man sich manchmal mehr gewünscht hätte, muss man zurechtkommen und ansonsten vor allem das Bad in der Menge mögen. Neben dieser Open-Air-Ausstellung gab es auf dem Festival auch noch Lesungen über Literatur sowie Konzerte, Theater und Tanzveranstaltungen. Der Eintritt zu allen Events war kostenfrei und barst vielleicht auch deshalb - selbst an Werktagen - schier unter dem Andrang aller Altersgruppen.
Tänzerin aus Kerala im Cross Maidan Park, Mumbai

Alle Fotos vom Kala Ghoda Arts Festival von Ina Zeuch

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