Samstag, 15. August 2015

Religiöse Wandmalereien aus Dakar

Weder Graffitti noch Street-Art passen als Kategorie auf die Wandmalereien, die in der Medina in Dakar zu sehen sind. Bei meinem ersten Aufenthalt in der Haupttadt Senegals habe ich sie gesehen und fotografiert. Zuletzt bei der 11. Biennale von Dakar 2014 konnte ich sie nicht mehr finden. Ich hoffe trotzdem, dass sie noch da sind. Denn sie sind gerade durch ihre Nicht-Kategorisierbarkeit etwas Besonderes. Sie bestehen aus über und über gezeichneten Figuren des immer gleichen Motivs, dem religiösen Führer Amadou Bamba, der die Bruderschaft der Mouriden gründete. 
Wandzeichnungen aus Dakar, Medina - 2003, Foto: Ina Zeuch
Obwohl diese nicht die größte Bruderschaft des muslimischen Landes ist, sind die Mouriden im Straßenbild und in ihren Riten extrem dominant. Sie haben Teile des Transportwesens unter sich, ihre Busse und Car Rapides sind von religiösen Malereien geprägt, ihre Geschäftsläden in der Medina  sind an den Außenwänden mit eben diesen Zeichnungen geschmückt. Das ist nicht nur Ausdruck religiöser Zugehörigkeit, sondern auch dem Prinzip von arbeitsamer Geschäftstüchtigkeit und materiellem Erfolg durch ehrliche Arbeit verpflichtet - gemäß der Lehre von Amadou Bamba. Ihre Ausrichtung im Islam ist der Sufismus, im Senegal wird dieser mit stundenlangen mantra-ähnlichen Gesängen begangen, an denen nur Männer teilhaben. Sie sind oft in den afrikanischen Vierteln von Dakar bei  ihren tranceähnlichen Riten zu beobachten, immer abends bis tief in die Nacht. 
Wandzeichnungen aus Dakar, Medina - 2003, Foto: Ina Zeuch
Einmal im Jahr findet ihr größtes Fest statt, der Magal und zwar in dem dörflichen Städtchen Touba, wo Amadou Bamba begraben liegt und jedes Jahr im April halb Senegal und die externen Communties aus Mali, Mauretanien und anderen Ländern Westafrikas dorthin pilgern. Magal gilt als das kleine Mekka. Wer es nicht nach Mekka schafft, muss mindestens ab und an nach Touba aufbrechen. Dort wird das Fest bis zu einer Woche begangen. Die Pilger lagern in Zelten, die sie mit Sack und Pack samt Ziegen, die vor Ort geschlachtet werden, in Bussen mitbringen. Musik, Alkohol und jede Art von Zerstreuung sind verboten.

Mouriden während des Magal-Fests in Touba, 2003, Foto: Ina Zeuch
Die Gläubigen gehen barbuss durch die sandigen Straßen bis zur Moschee, die noch zu Lebzeiten des Religionsgründers erbaut wurde. Die größten Gemeinden der Mouriden außerhalb Afrikas befinden sich in Paris und New York. Einige der materiell erfolgreichsten  Mouriden aus dem Ausland kehren nach Touba zurück, das neben dem dörflichen Charakter auch einige palastähnliche Villen aufweist. Obwohl Amadou Bamba später mit den Franzosen der Besatzungszeit kolaborierte, ihnen sogar zur Rekrutierung senegalesischer Soldaten für den Ersten Weltkrieg verhalf, wird in Touba in den Schulen kein Französisch gelehrt. Sie ist die Sprache der Besatzer und heute die Sprache der Ungläubigen, die das Land weiter in Abhängigkeit halten. 
Malerei auf einem Bus in Dakar, 2011, Foto: Ina Zeuch
Auch heute ist der Einfluss der Mouriden so zwiegespalten wie zu Zeiten von Amadou Bamba.Wer sich der Macht ihrer Marabouts nicht versichert, wird garantiert Wählerstimmen verlieren. Gleichzeitig legen sie großen Wert auf die religiöse Erziehung und spirituelle Führerschaft. Die Talibs, Schüler eines geistigen Lehrers, oft Kinder zwischen 8 und 12 Jahren, die mit rostigen Konservendosen für ihren Lehrer betteln - als Bezahlung für seinen Unterricht - sind ebenfalls ein Bild, das die Straßen Dakars prägt. Agressiver treten die jungen Männer mit großen Kalebassenschalen auf, die sich 'Bay Fall' nennen, was so etwas wie Jünger heißt - die ebenfalls für ihren Lehrer und der Finazierung ihres religiösen Tripps sammeln. 
'Bay Fall', Schlachter beim Zerteilen desFleisches, Touba, 2003, Foto: Ina Zeuch
Sie haben sich ganz einem asketischem als das wahre Leben in Reinheit verschrieben. Ihr Aufzug ist beeindruckend: Sie sind ganz in schwarz  im Grand Boubou gekleidet, um ihren Hals hängen zahlreiche Ketten mit den verschiedenen Abbildern ihrer Lehrer, den metallischen Klang der Münzen in ihren Bettelschalen setzen sie dabei als stumme, aber agressive Auffoderung zur Spende von Almosen ein.
Wandzeichnungen aus Dakar, Medina - 2003, Foto: Ina Zeuch
Unabhängig von diesen vielschichtigen Zusammenhängen strahlen die Wandzeichnungen etwas vom Geist des Gemeinschaftsinns aus, den der gesamte Islam in sich trägt. Sie sind das komplexe Werk von vielen 'Zeichnern', die in ihrer Haltung eins sind und auf diese Weise etwas geschaffen haben, das kunstvoll und identitätsstiftend ist - ganz frei von unserem westlichen Verständnis des Individualismus  und deshalb besonders wertvoll, weil es uns einen Blick in eine völlig andere Auffassung zu leben ermöglicht.

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