Montag, 5. Juni 2017

Palästina - Reiseberichte aus einem besetzten Land (4)

Von Februar bis April war ich für als ökumenische Begleiterin für EAPPI in Palästina und Israel. Ich habe dort die Bedingungen der israelischen Besatzung für die palästinensische Bevölkerung hautnah kennengelernt und israelische und palästinensische Initiativen für einen gerechten Frieden unterstützt.

Ina Zeuch: "Wo liegt eigentlich Palästina?", Zeichnung, 278 x 206,5 cm

Ein Besuch in Um Al Kheir

Wir machen einen Abstecher nach Um Al Kher. Dort schauen wir immer wieder mal sporadisch vorbei, um Eid zu treffen. Um Al Kher (manchmal auch Kheir oder Khair geschrieben) hat auch eine Seite auf Facebook.

Reste von Hauszerstörungen in Um Al Kheir. Foto: Ina Zeuch
Eid ist einer der Aktivisten dieser winzigen Ansiedlung, der - wann immer wir ihn anrufen - nicht erreichbar ist. Außerdem ist er Künstler. Er stellt mit den Trümmern der Zerstörungen, die Um Al Kher immer wieder heimsuchen, Bulldozers und Militärfahrzeuge en miniatur her.Vielleicht ist das ja der Grund, warum die Überreste der Eliminierungen einfach so in der Gegend herumliegen und von den Bewohnern nicht weggeräumt werden.  

Eid mit einem seiner Objekte aus den Trümmern der Hauszerstörungen. Foto: Ina Zeuch
Es ist eine Art live-Installation und hinterlässt einen zutiefst deprimierenden Eindruck. Noch deprimierender aber muss es sein, inmitten dieser Trümmer zu leben. Es ist offensichtlich ihre Art des Protests gegen die Besatzung.
Überreste der vom israelischen Militär zerstörten Gebäude in Um Al Kher. Foto: Ina Zeuch
Noch nie bin ich einer israelischen Siedlung so nahe gekommen. Die kleine Anhäufung von Hütten und Zelten verläuft direkt parallel zu dem von den Siedlern errichteten Zaun, der die Bewohner Um Al Khers von der Siedlung Carmel abschottet. Während die Menschen jenseits des Zauns alles haben, leben die Menschen diesseits des Zauns unter höchst prekären Umständen: Erste und dritte Welt direkt nebeneinander.  
Im ‘Zentrum‘ von Um Al Kher. Foto: Ina Zeuch
Ihre Toiletten wurden von der EU gestiftet. Strom kommt von CometMe, einer israelisch-palästinensischen non-Profit Organisation, die Solarpanels für diejenigen installieren, die abgekoppelt von jeglicher staatlichen Versorgung leben. Die sehen wir in South Hebron Hills überall. Ohne diese Hilfen wäre es in diesen und vielen anderen Dörfern hier zappenduster! Es kostet viel Aufwand, die Menschenrechtsverletzungen der Besatzungspolitik auszugleichen. Leider werden zum Teil auch die gesponserten Projekte von EU und Comet Me, die ein einigermaßen menschwürdiges Leben in Area C ermöglichen, vom israelischen Militär zerstört und viele haben noch ausstehende Demoliton Orders.
Foto: Ina Zeuch
Wir stehen auf der Anhöhe von Um Al Kher und schauen von dort hinunter auf die weißen Bauten von Carmel, die neu auf dem Eigentum der Bewohner Um Al Khers entstanden sind. Es ist viel von Aussenposten die Rede. Die entstehen meistens in der Nähe von Siedlungen. Nicht weit davon sieht man dann auch schon einen Militärposten. Aber viel seltener wird darüber gesprochen, wie die - von Israel genehmigten, aber unter internationalen Recht illegalen - Siedlungen selbst sich immer weiter ausdehnen. Baumaterialien und Zäune kommen offensichtlich ohne Zwischenfälle dorthin und gebaut wird oft nachts. Von den Carmel-Siedlern kommen auch die meisten Schikanen, wenn die Schafhirte ihre Schafe in dem einzigen Tal weiden, das ihnen noch dafür geblieben ist.
Überreste der vom israelischen Militär zerstörten Gebäude in Um Al Kher. Foto: Ina Zeuch
Gerade kommt ein riesiger Reisebus mit den israelischen Schulkindern an. Das große Tor, das selber fast wie eine Sicherheitsanlage aussieht und oft von paramilitärischer Siedler-Security bewacht wird, öffnet sich und wir sehen den fast leeren Bus die gut ausgebaute Straße herauffahren. Ich muss an die Kinder von Al'Seefer und ihren Schulweg im Vergleich dazu denken. Al'Seefer ist ein Ort in der sogenannten Seam Zone.
Der Schulweg für die Kinder aus As Seefer, im Hintergrund unten der Checkpoint Beit Yatir. Foto: Ina Zeuch
Die Seamzone ist das Land, das zwischen der international vereinbarten Grünen Linie und dem Sicherheitszaun mit seinen Checkpoints liegt, der tief in palästinensisches Gebiet einschneidet. Al'seefer liegt in so einer Zwischenzone und die Kinder müssen auf dem Weg zur Schule, der insgesamt 5 Kilometer lang ist, durch den Beit Yatir Checkpoint - einmal, um in Area C hinein zur Schule auf der anderen Seite zu gelangen und nach Schulschluss wieder heraus in die Seamzone. Dabei werden jedes Mal ihre Schultaschen und manchmal auch sie selbst auf Waffen untersucht. Der Checkpoint wird von einer privaten Sicherheitsfirma betrieben. Im Gegensatz zu den Soldaten, die auch nicht gerade freundlich sind, verhalten sie sich oft besonders hässlich.
Die Ausläufer von Um Al Kher, im Hinterrund die Siedlung Karmel. Foto: Ina Zeuch
Zurück nach Um Al Kher: Wir sehen drei Militärjeeps auf der anderen Seite der Ansiedlung in hohem Tempo die Straße hochfahren, auf der auch wir gekommen sind. Im nahegelegenen Um ad Daraj hat es die Zerstörung einer Zisterne gegeben und dabei ist der Bulldozer in den Brunnen gefallen. Palästinensische Aktivisten, die vor Ort waren, haben Fotos und ein Video davon gemacht und sie in Windeseile im Netz verbreitet, das uns noch zum Abschied gezeigt wird - ein echter Schenkelklopfer für die Palästinenser, der noch tagelang zum running gag wird. Wir bleiben natürlich neutral, unparteiisch und schauen uns das Filmchen mit stoischer Miene an. Auch Eid ist in Um ad Daraj, wie wir erfahren. Vielleicht wird sein nächstes Kunstwerk ein Bulldozer sein, der in einer Zisterne feststeckt!
verunglückter Bulldozer in Um ad Daraj. Foto: B'tselem

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