Mittwoch, 27. Februar 2019

Farbrausch mit Kalkül - Malerei von David Schnell in Chemnitz


"Splitter" ist der Titel der Ausstellung mit überwiegend großformatigen Bildern von David Schnell in den Kunstsammlungen Chemnitz, die noch bis 12. Mai zu sehen ist. Schon auf dem Treppenabsatz am Eingang der Ausstellung wird man mit einem großformatigen Bild in Orange in Bann geschlagen.

David Schnell: Öl auf Leinwand, 800 x 512 cm, 2007
Darin zu erkennen sind Elemente von Landschaft, die sich nach oben hin zu flächigen Flecken auflösen und sich zu einer rein abstrakten Farbkomposition in denselben Farben entwickelt, wie die Farben im Vordergrund.

Das Erstaunliche ist, dass dieselbe Farbintensität des Hintergrunds auch im Vordergrund verwendet wird und dabei doch räumlich deutlich als vorne wahrgenommen wird - hat man doch gelernt, dass Farben im Hintergrund deutlich heller sein müssen, um optisch als entfernt wahrgenommen zu werden. Diese Wirkung erreicht der Künstler vermutlich über die kleinteiligere Flächenaufteilung im Vordergrund. 
Diese Reduktion der Farbigkeit, die über Orange, warmen Brauntönen, Hellgelb bis fast Weiß angelegt ist, zeigt sich auch als Stilmittel in den anderen Bildern, die in den großen hellen Räumen der Chemnitzer Kunsthallen beeindruckend zur Geltung kommen.

David Schnell "Blau", Öl auf Leinwand, 2010
David Schnell: "Rot", Öl auf Leinwand, 2011
Andere Werke Schnells tauchen gänzlich in eine Art Pixelwelt ein oder weichen das Sujet Landschaft auf, wie man sie bei Digitalfilmen als temporäre Auflösungsfehler beobachten kann, wo das Bild in einzelne Quader und Farbfelder buchstäblich in Splitter zerfällt. Durch unsere bereits digitalen Sehgewohnheiten erkennen wir diese dennoch als konkrete Bilder, die manchmal so abstrakt sind wie die von David Schnell.
Es ist das Programmierte hinter den Bildern, das uns die Illusion eines Bildes eingibt und das hier von David Schnell freigelegt wird. Gleichzeitig erinnern die Landschaften Schnells daran, dass auch diese von Menschen gestaltet sind: Die Alleen und Parklandschaften sind keineswegs natürlich, sondern nach menschlichen Bedürfnissen ausgemessen.

So ist die  oft verwendete Zentralperspektive in den Bildern  - noch betont durch die ohne Abstand gehängten Diptychen, bei dem der Fluchtpunkt genau am linken und rechten Rand der beiden Leinwände verläuft - ein Ausdruck menschlichen Gestaltungswillen, die in der Natur nicht vorkommt. Man bekommt fast das Gefühl, dass man Landschaft heute im vielfach thematisierten Anthropozän nur noch so malen könnte und alles andere rückwärtsgewandte sentimentale Gesten wären. Obwohl also der Mensch in keinem einzigen der großen Bilder von David Schnell vorkommt, ist er unsichtbar allgegenwärtig.

David Schnell: Öl auf Leinwand, 2008
So findet auch die Architektur logischerweise Eingang in die großformatigen Arbeiten: Bäume wie schlanke Säulen mit einem Waldboden, der zur teils spiegelglatten Fläche wird, indem sich das Sujet noch einmal zu verdoppeln scheint und teils nach unten in die Tiefe gepiegelt wird. Sich in einer solchen Landschaft real zu bewegen, dürfte schwindelerregend sein, weil die räumliche Orientierung fast aufgehoben und nur durch die sogartige Perspektive gegeben ist. Hier wirken die Bilder fast rein virtuell, arbeiten doch auch heutige Architekten mit Computerprogrammen, mit denen sie ganze Stadtteile entwerfen können.

David Schnell "Depot", Öl auf Leinwand, 290 x 460 cm, 2008
Ausschnitt aus "Depot"
Während die Natur künstlich entworfen scheint, so dreht Schnell das Pinzip auch um und komponiert in einigen seiner Bilder das Archtiktonische wie eine Naturgewalt.

David Schnell. "Eingang", Öl und Acryl auf Leinwand, 290 x 460,5 cm, 2007

Alle Fotos aus der Ausstellung von Ina Zeuch

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