Mittwoch, 20. Februar 2013

Ist politische Kunst möglich? (6)

"FIRST WE MAKE THE RULES THEN WE BRAKE THE RULES".
 Öyvind Fahlström und Simon Evans in Düsseldorf

Öyvind Fahlström: "Green Pool", Ausschnitt, 1968.
Foto: Courtesy Aurel Scheibler (Katalog)
Bis zum 17. Februar 2012 war eine kleine Auswahl von Arbeiten der Künstler Simon Evans und Öyvind Fahlström in der Düsseldorfer Kunsthalle zu sehen. Programmatisch ist schon der Titel mit dem eingebauten orthografischen Fehler: "FIRST WE MAKE THE RULES THEN WE BRAKE THE RULES". Im Interview mit Elodie Evers -  nachzulesen im Katalog - sagt Evans dazu: " Die Wörter drücken Freiheit aus, während der Rhythmus sagt: Es gibt kein Entrinnen."


Das gilt auch für seine Arbeiten. Leichtigkeit und Humor sind zwei durchgehende Kennzeichen seiner Arbeiten, die aber inhaltlich das Unentrinnbare der gesellschaftlichen Kategorien thematisieren wie zum Beispiel in den Werken "Poor Stains" und "Expensive Stains".  Poor und expensive als unausweichlich ökonomische Kriterien mit immensen sozialen Auswirkungen werden hier auf eine Vielzahl von fiktiven und echten Flecken  angewendet und vom Künstler jeweils in winzigen Notizen aufwändig kommentiert.

Simon Evans: "Poor Stains", 2011. Foto: Christopher Burke (Katalog)
"Shitty Heaven" - eine weitere Arbeit von Evans - ist wie der Grundriss eines öffentlichen Gebäudes komponiert, der wesentliche Institutionen der Kultur westlicher Gesellschaften präsentiert: Museum, Kirche, Indoor Shopping im oberen Bereich, Bar und Cinema eher weiter unten angesiedelt. Sie alle kreisen um das atriumhafte Zentrum, in dem "Abyss of Excessive Enjoyment and Trauma" als Kommentar des Künstlers steht. Leicht gruselig die Vorstellung, dass der Himmel - immerhin traditionell als paradiesischer 'Ort' des Entrinnens konzipiert - nur das widerspiegeln könnte, was man schon kennt. In Evan's Kunst ist alles überwuchert von teils winzigen aufgeklebten Notizen, weswegen das detailgenaue Betrachten oft zum Lesen wird.

Simon Evans: "Shitty Heaven", 2010.
Photo Christopher Burke (Katalog)
Das verbindet ihn mit dem viel älteren, 1976 verstorbenen Künstler Fahlström, der fast sein Mentor oder Lehrer gewesen sein könnte. Auf jeden Fall ist die Idee, das kongeniale Zusammenspiel der beiden Künstler in einer Ausstellung zu zeigen, ausgesprochen erhellend. Man fühlt die Gedanken des einen wie auf einer anderen Ebene fortgesetzt in den Bildern des anderen. Denn Fahlstöms Werke sind oft ebenso komprimiert wie die von Evans -   übersät von Comicfiguren und Sprechblasen, gedämpft poppig in den Farben und doch weit entfernt von Pop Art. Sie entfalten eine böse, zynische Welt, aber sie haben nicht die ironische Leichtigkeit von Evans. Einige Werke enthalten Anleitungen zu von ihm erfunden Spielen wie in "World Trade Monoply". In vielen seiner Bilder gibt es zahlreiche Anspielungen zu tagespolitischen und historischen Ereignissen seiner Zeit, Slogans und Sprechblasen, die wie Agitprop das postkoloniale Weltbild skizzieren: Der Sturz Salvador Allendes in Chile oder Wirtschaftsdaten von Import und Export aus Asien und Südamerika wie in seiner nur oberflächlich bunt-fröhlichen Arbeit "Column No.4 (IB-affair) " von 1975.

Öyvind Fahlström: "Sketch Map Part I(America, Pacific)", 1972
Foto: Courtesy Aurel Scheibler (Katalog)
Kryptisch sich überlagernde Minicomics wie in "Sketch for World Map Part I" ergeben ein düsteres Weltbild von Ausbeutung auf der einen und Profit auf der anderen Seite: Eine Reihe schwarzer, ausgemergelter Figuren - erdrückt von den Worten "CHEAPER CHEAPER CHEAPER", die über ihnen  schweben -  während unter ihnen "GOOD YEAR" steht, ist nur ein winziges Detail aus der oben genannten Arbeit.

"Ich sehe mich als einen Zeugen und weniger als einen Pädagogen", sagt Fahlström zu seiner Position als Künstler. "Als Zeuge beschäftige ich mich zunehmend mit den emotionalen Auswirkungen und Fakten auf die Welt". Man möchte hinzufügen, auf die Auswirkungen und Fakten für jedes Individuum. Denn beide Künstler verorten das Subjektive im überwältigenden Mahlwerk von gesellschaftlichen Kräften wie in "Nights, Winters, Years (Words by Justin Hayward)" von Fahlström 1976 oder "Symptoms of Lonliness" von Evans aus 2009.

Öyvind Fahlström: "Notes 6 (Nixon Dreams)", 1974
Foto: Courtesy Aurel Scheibler (Katalog)
Während Fahlström sich in den 70ern in New York geradezu im Zentrum von Pop Art befand, war diese für den viel jüngeren Evans niemals eine Option, sondern nur "eine dreiste Verbindung von Gleichwertigen, das Zelebrieren des Kaptialismus", wie er in dem bereits erwähnten Interview aussagt. "Inzwischen werden wir von solchem Zeug überschwemmt." Wohl wahr! Und gleichzeitig  ein statement, das man nur als Nachgeborener so abgeklärt fällen kann. Genau diese Generationsspanne ist es, die das Werk Evans' von dem Fahlströms' auch unterscheiden: Es ist viel lustiger, sich Evans' "Shitty Heaven" oder seine Fleckenlandschaften von poor und expensive stains anzuschauen, als Fahlström's düstere Politkrimis zu studieren, in denen noch in jedem Detail die Verbitterung über die Verhältnisse durchschlägt und die Frustration über die Wirkungslosigkeit der 68er Proteste spürbar wird. Die Ironie in Evans' Kunst dagegen, die oft sardonischen Kommentare des eigenen Involviertseins, nämlich das wir alle nur Teil des Marktes sind, entspricht viel mehr dem heutigen Zeitgeist und ist uns darum viel näher. Um so überraschender sind die vielen ästhetischen Parallelen von Evans und Fahlström, die zeigen, wie sehr sie sich dennoch geistig verwandt sind.

Simon Evans: "Symptoms of Loneliness", 2009. Foto: Katalog
Künstler abseits des Gefälligen haben vielleicht angesichts der gegenwärtigen Politisierung der Kunst zur Zeit mehr Chancen, gezeigt zu werden. Schwer vorstellbar, dass man mit ihnen einen Hype anzetteln könnte, aber man sollte die Augen offen halten und die - vielleicht nur kurze - Zeit dieser Mode nutzen, um einige solcher weniger spektakulären Ausstellungen nicht zu verpassen.

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