Freitag, 31. Mai 2019

Es gibt nichts Gutes außer man tut es oder die Jungs von Comet ME

Wir sind auf dem Rückweg von Massafr Yatta, wörtlich: das Hinterland von Yatta. Yatta liegt in den südlichen Hebronhügeln rund 35 Km von Hebron entfernt. 

Massafr Yatta liegt ganz im Süden des Westjordanlandes und ist seit den 1980er Jahren militärisches Sperrgebiet der israelischen Armee (Israeli Defense Forces IDF) -  Firingzone 918 - im südlichsten Teil des seit 1967 besetzten Westjordanlandes. Dort haben wir einen frisch aus der Haft entlassenen palästinensischen Schafhirten besucht, der einen israelischen Siedler mit seinem Hirtenstock verletzt hat, um sich gegen die Drangsalierung und Vertreibungsversuche von seinem Land durch israelische Siedler zu wehren. Dafür hatte er 7 Monate Haft bekommen und muss eine hohe Entschädigung für den Siedler bezahlen.

Besuch bei Mohammed in Massafr Yatta
Besuch bei Mohammed in Massafr Yatta
Unsere Stimmung ist bedrückt, als wir im Strom vieler Ausflügler, die das wärmer werdende Wetter und den freien Sonntag für einen Familienausflug genutzt haben, auf staubigen Pisten nach Yatta zurückfahren. Massafr Yatta ist das Naherholungsgebiet vieler Palästinenser. Viele palästinensische Farmer besitzen dort Land, es ist das fruchtbarste der Region. Sie bestellen und ernten ihre Felder saisonal, wohnen dort aber nicht. Es gibt nur wenige, die dauerhaft dort wohnen, weil sie jederzeit – zumindest temporär – für militärische Übungen evakuiert werden können. Außerdem fürchten viele die Willkür von Militärkontrollen, die manchmal Fahrzeuge konfiszieren. Seit Jahrzehnten wird die Sperrzone nicht mehr für Trainings der Armee benutzt.
Blick in die Hügellandschaft von Massafr Yatta
Einer der wenigen Schafhirten, die in Bir Al Id in Massafr Yatta dauuerhaft wohnen
Nach und nach hellt sich unser Gemüt auf, als wir die vielen fröhlichen Kinder sehen, die vollgestopften Autos mit ausgelassenen Frauen, die uns übermütig zuwinken. Die israelische Besatzung, so scheint es, macht gerade Pause. Da sehen wir im Gegenstrom der Rückkehrer zwei hochgewachsene junge Männer einherschreiten. Sie tragen kurze Hosen und weite, kurzärmelige T-Shirts. Unmöglich können es Palästinenser sein. Aber israelische Siedler in dieser offensichtlichen Überzahl von Palästinensern? Üblicherweise treten sie immer zu mehreren gegenüber einzelnen Schafhirten auf und sind oft sichtbar mit leichten Maschinengewehren bewaffnet. Uns fällt auch auf, dass die beiden Männer ausgesprochen freundlich sind. Fröhlich winken sie den ausgelassenen Rückkehrern aus Massafr Yatta zu und obwohl sie aussehen wie Siedler, werden sie nicht behelligt. Vor meinem geistigen Auge tauchen die vielen Schilder auf, die jeweils am Eingang von Zone C zu Zone A aufgestellt sind: Sie weisen israelische Staatsbürger daraufhin, dass das Betreten von Zone A ihr Leben gefährdet und nach israelischen Recht strafbar ist.
Straßenschild bei Susiya in den südlicen Hebronhügeln
Das Westjordanland ist nach den Osloer Friedensverträgen in drei Zonen aufgeteilt worden. Zone C untersteht mit cira 62 Prozent der vollständigen zivilrechtlichen und militärischen Kontrolle der israelischen Besatzung, Zone B ist aufgeteilt und steht mit 22 Prozent unter israelischer Militärkontrolle, aber palästinensischer Zivilverwaltung, Zone A wird mit circa 18 Pozent von der PA, der palästinensischen Autonomiebehörde regiert. Diese wurde nach den Osloer Friedenserträgen als Übergangsregierung eingesetzt und sollte nach 5 Jahren einen eigenständigen Staat Palästina einleiten. Seit der Wahl der Hamas im Januar 2006 - immer wieder zitiert mit dem Zusatz radikal-islamisch - ist die PA weiterhin eingesetzt, ohne dass die rechtmäßig gewählte Hamas in der Westbank regieren konnte. Die Wahl wurde von allen westlichen Staaten nicht anerkannt und zog massive Boykotts von Hilfsgeldern nach sich. 
Den beiden Israelis - obwohl mitten in 'Feindesland' - passiert nichts. Sie winken auch uns fröhlich zu, bevor wir sie eingeholt haben und sie im Rückspiegel des Autos unseren neugierigen und fragenden Blicken entschwinden.
Da fällt unserem Fahrer ein, dass es die Jungs von Comet-ME sein könnten, die auf dem Weg zu einer kleinen Ansiedlung für eine erste Inspektion zur Errichtung eines Strommastes sind.Überall in den südlichen Hebronhügeln haben wir die Spuren von Comet-ME gesehen: Schlanke Strommasten, Wassertanks und Solarpanels vor den ärmlichen Behausungen der palästinensischen Farmer.  
Wassertank von Comet-ME in Shi'B al Butum in den südlichen Hebronhügeln
Mit ihrem Slogan "Help us keep the Lights on" oder "Harvesting the wind and the sun for the benefit of the people" arbeiten sie zusammen mit Palästinensern in den besetzten Gebieten, überwiegend in der C-Zone, wo für Palästineser so gut wie keine Baugenhemigungen bewilligt werden. Dort werden weder Schulen, medizinische Versorgungszentren oder Toiletten für öffentliche Einrichtungen akzeptiert. Sie erhalten - selbst wenn sie von der EU finanziert sind - die von allen Bewohnern so gefürchteten Anordungen zur Zerstörung.
Wassertank von Comet-ME bei Susiya
Wassertank und Solarpanels von Comet-MEbe bei Susiya
Im Gegensatz zu den Schildern, die israelischen Bürgern den Zutritt zu den besetzten Gebieten unter Androhung von Strafen und Lebensgefahr verbieten, setzten sie auf Kooperation, um die Barrieren von Hass und gegenseitigen Vorurteilen zu überwinden. Bisher wurden sie von der israelischen Regierung noch nicht als anti-israelisch, linksextrem oder als sich-selbst- hassende Juden bekämpft, wie es der israelischen Organisation B'Tselem oder Breaking the Silence erging, die ebenfalls Aktionen gegen die Besatzung unternehmen.
"We believe in open source and grassroots collaborations", verkündet Comet-ME  auf ihrer Webseite. Dort wo sie waren, wird buchstäblich Licht, entsteht Strom zum Kochen, für Waschmaschinen und alle sonstigen elektrischen Geräte, die das mühselige Leben der Bewohner enorm erleichtern. Nichts ist so ideologiefern wie die Arbeit von Comet-ME und dabei so effektiv. Einfach beneidenswert und gleichzeitig hochorganisiert - man- und mindpower in bester Harmonie vereint: Es gibt nichts Gutes außer man tut es.  

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