Montag, 1. Mai 2017

Palästina - Reiseberichte aus einem besetzten Land (1)

Von Februar bis April war ich für als ökumenische Begleiterin für EAPPI in Palästina und Israel. Ich habe dort die Bedingungen der israelischen Besatzung für die palästinensische Bevölkerung hautnah kennengelernt und israelische und palästinensische Initiativen für einen gerechten Frieden unterstützt.

Ina Zeuch: "Wo liegt eigentlich Palästina?", Zeichnung, 278 x 206,5 cm

Dkaika – ein Dorf am Ende der Welt 

Dkaika, ganz am Rande der South Hebron Hills und unmittelbar vor der Grünen Linie: Hier gibt es keine israelischen Siedlungen, aber da Dkaika in unmittelbarer Nähe zu Israel liegt, ist es das unverblümte Bestreben der israelischen Regierung, das Land zu konfiszieren und so das eigene Staatsgebiet auszudehnen. Von daher haben alle hier eine sogenannte Demolition Order – dem Befehl zur Zerstörung und Eliminierung des gesamten Dorfes. Diese ist allen schon vor Jahren zugegangen. 

Dkaika,  vollkommen abgelegen in der Halbwüste. Foto: Ina Zeuch
"But what can you expect from occupation?" ist sein abschließend resignierter Kommentar. Die ganze Region wird außerdem von Drohnen überwacht, die jede Veränderung, jede Bautätigkeit abfilmt. Die Kinder haben laut des Direktors große Angst vor diesen für sie bedrohlich wirkenden Flugobjekten.
Wir besuchen die Schule von Dkaika, die verwundbarer kaum gelegen sein könnte und die – wie letztendlich auch das gesamte Dorf - 2011 zum letzten Mal zerstört wurde. 56 Schüler besuchen hier die Grundschule, sie alle kommen unmittelbar aus den umliegenden Hütten und Häusern. Siedlergewalt entfällt hier, aber die IDF (Israeli Defense Forces) kommt hier regelmäßig zwischen zwei bis drei Mal ins Dorf und macht klar, dass hier alle zu verschwinden haben und warum sie immer noch hier seien. Der Direktor der Schule, der wie wir in Yatta wohnt, spricht regelmäßig mit ihnen und versucht, ihnen klar zu machen, was das für ihre eigenen Kinder bedeuten würde, wenn man sie an der absolut basismäßigen Grundschulbildung hindern würde.

UNOCHA map
Sie alle wollen bleiben, aber niemand von ihnen hat eine von Israel anerkannte Besitzerurkunde für das Land. Sie siedeln hier bereits vor der Kolonisierung durch die Briten, als Palästina noch Britisches Mandat war. Unter dem osmanischen Reich der Türken, das seine größte Ausdehnung im 17 Jhd. hatte, gab es solche Besitzurkunden nicht. Wer das Land regelmäßig bewirtschaftete, der konnte es als seinen Privatbesitz ansehen, aber de jure gehörte es weiterhin dem Sultan. Wer es drei Jahre lang nicht bewirtschaftete, der verlor seinen Besitzanspruch. 

Israel wendet sowohl das Recht des kolonialen Britischen Mandats wie auch das Rechtsverständnis des osmanischen Reichs an. Das einzige Recht, das Israel nicht anwendet, ist das internationale Recht der UN und die Genfer Konvention von 1949, die u.a. besagt, dass eine Besatzungsmacht die besetzten Territorien nicht zur Ansiedlung der eigenen Bevölkerung nutzen darf. 

Wir treffen - etwas bedrückt zwischen den Hütten dem Ausgang zulaufend - eine junge palästinensische Sozialarbeiterin der UN mit exzellenten Englischkenntnissen. Sie sucht den Kontakt zu denjenigen Familien, die ihre Töchter nicht zur Schule schicken und versucht, sie zu motivieren und ihnen den Wert von Bildung nahezu legen. Sie kommt ein bis zwei Mal im Monat und wir hoffen, dass wir sie bei unserem nächsten geplanten Besuch treffen werden. “Falls wir dann immer noch hier sind und nicht schon abgerissen…“, verabschiedet sie sich lachend. Bitter joke! 
Die von Italien erbaute Schule in Dkalika hat ebenso eine Demolition Order. Foto: Ina Zeuch
Am Ende des langgestreckten Dorfes, in dem bis zu 150 Leute wohnen, lädt uns Ahmad zum Tee ein - auch er eine vollkommene Überraschung, denn er studiert Journalismus in Hebron. Man weiß nicht, wie sie es managen, aber sie kriegen trotz all der Hindernisse die erstaunlichsten Dinge hin. 

Zwei kleine Lämmer kommen in den fast kahlen Raum, wo wir uns zum Tee niedergelassen haben und Ahmads Mutter möchte für uns alle kochen – wir sind insgesamt mit den beiden Fahrern 10 Personen. Ich kann es kaum fassen. Aber wir lehnen ab, weil wir noch am selben Tag zum Training zurück nach Ostjerusalem müssen. Sie hofft, dass wir das nächste Mal bei ihr zum Essen bleiben.
Ein einsames Kamel in Dkaika. Foto: Ina Zeuch

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